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Die Berliner Fantine:
Im Gespräch mit Ann Christin Elverum
© "Musicals unlimited"
Interview und Bearbeitung von Claudia Bauer-Püschel / offizieller Probenbeginn, 06. August 2003 im Theater des Westens
Claudia: Du bist die Fantine der Berliner 'Les Mis'-Produktion. War das schon lange dein Wunsch, diese Rolle einmal zu spielen, oder hat sich das mehr oder weniger zufällig so ergeben?
Ann Christin: Das war vielleicht zufällig. Es waren beide großen Auditions für 'Aida' und 'Les Misérables' gleichzeitig, und ich hab' immer [... gedacht]: 'Eponine, oh, das ist meine Traumrolle!' Dann hab' ich Markus [Brühl] gefragt, unseren künstlerischen Leiter, und der meinte: 'Nööö, du bist doch keine Eponine; du bist doch eine Fantine!', und ich war so... na, egal. Ich ging zu der Audition, und dann hab' ich gedacht - ich hab' wirklich gedacht, ich kriege nicht diese Rolle. Dann nach der ersten Audition [...] hab' ich gehört, ich bin im Rennen für die Erstbesetzung; ich war so... Wow! Und nach dieser Meldung von Markus [Brühl] war ich wirklich so: Gott, diese Rolle will ich haben! Und ich habe wirklich so gepusht und daran gearbeitet, und dann habe ich das gekriegt. Das war toll; das war wirklich toll!
Claudia: Und was gefällt dir an der Rolle besonders?
Ann Christin: Ja, ich hab' niemals 'Les Mis' gesehen. Ich kenne die Geschichte und so, aber ich habe immer gedacht, dass Fantine ist ein bißchen so... oh, immer traurig, immer ein bißchen pathetisch, aber sie ist es nicht. Das habe ich jetzt erfahren, in den Probentagen. Egal wie schlimm es ist; sie liegt auf dem Boden und blutet, aber immer greift sie nach dem Positiven. Sie ist so ein Fighter, und das find' ich unglaublich; das wußte ich nicht von Fantine. Das find' ich auch unglaublich an der Rolle; das ist ein tragisches Stück. Meine Güte, alle sind tot bis am Ende, fast alle! (Lacht.) Es ist immer Weinen und Tränen und Schreien, und dann finde ich das cool. Okay, meine Rolle - es reicht, also mein Schicksal: tragisch. Aber dass sie immer, wenn sie wirklich ganz, ganz, ganz - ja, auf dem Boden liegt auch nach diesen kleinen positiven Dingen greift oder jammert: 'Mein Leben wird sich verändern oder...'. Wahnsinn! Ich finde das gut.
Claudia: Siehst du das vielleicht auch mittlerweile anders, weil meine nächste Frage wäre gewesen - ich sehe das Stück eben eigentlich auch ziemlich düster...
Ann Christin: Ja!
Claudia: ... - und wenn man so eine Rolle dann jeden Tag spielen muß, wieviel nimmt man davon mit in den Alltag? Oder sagt man an der Bühnentür: 'Arbeit: ist zuende...'
Ann Christin: Doch, macht man, ja macht man. Nein, denn das ist ja so etwas... Natürlich ich kann ja ehrlich sein, daß man nicht immer... Manchmal trägt man die Arbeit mit nach Hause. Manchmal hat man etwas sch.... gemacht auf der Bühne und man kommt nach Hause [... und denkt]: 'Was ist das denn?', weißt du? Aber man versucht, wenn es geht, nicht. Und zum Beispiel jetzt, wie du gesagt hast mit 'Les Misérables', das geht dann nicht. Ich hab' mit einem anderen Kollegen gesprochen, der 'Les Mis' in Duisburg gemacht hat, und er sagt: 'Das war so schwer zu machen.' Aber ich glaube auch - gar nichts gegen Duisburg - aber es ist ein bißchen anders in Berlin, und ich glaube - hoffentlich - dass nicht alle nach einem Jahr in dem Musical fertig sind und sagen: 'Ah, es geht nicht mehr.' (Lacht.)
Claudia: In wiefern ist es in Berlin anders als in Duisburg? Von der Stimmung her oder vom Stück her [...]?
Ann Christin: [...] Ja, es ist mehr Stimmung und ich glaube, es gibt viel mehr zu tun. [...] Ich war nicht oft in Duisburg; ich habe nicht in Duisburg gewohnt, aber Leute haben mir erzählt, dass Duisburg nicht gut ist. Aber, ich weiß nicht, vielleicht... Hier kannst du... ja, eigentlich fast alles machen in Berlin, 24 Stunden lang. (Lacht.) Das finde ich toll.
Claudia: Vor allem sind jetzt wohl erst mal Proben angesagt!
Ann Christin: Jaaa...
Claudia: Wieviel Zeit verbringst du dann pro Tag mit Proben?
Ann Christin: Der Probenplan ist quasi von 10 Uhr bis 14 Uhr, dann haben wir eine Mittagspause und dann von 15 Uhr bis 18 Uhr. Das ist der ganze Tag mit Proben, nur am Anfang. Aber ich bin ja nicht drin in allen Proben. Meine Rolle ist nicht so groß. Weißt du, ich bin tot... Ich glaube nach 45 Minuten bin ich tot. Wahnsinnsjob, oder? (Lacht.)
Norbert: Ja, aber du mußt noch mal als Geist kommen.
Ann Christin: Ja, ich weiß.
Claudia: Ist das dann eigentlich schwierig, wenn man halt so lange Pause hat im Stück, dann sich noch mal in die Rolle reinzuversetzen?
Ann Christin: Nö, das ist kein Problem. Das Schwierige, muß ich ehrlich sagen, an dieser Rolle ist, daß man in so kurzer Zeit auf der Bühne ihre Geschichte erzählen muss. Und die ganze Geschichte: was ihre Träume sind, was sie haben wollte, ihr Schicksal bis zum Tod - und das ist ganz schnell. Das sind 3, 4, 5 Nummern, und dann - fertig. [...]
Claudia: Zum Schluß habe ich noch eine Frage, die nichts mit 'Les Mis' zu tun hat, und zwar: Gibt es irgendwelche Kollegen mit denen du gerne unbedingt einmal zusammen arbeiten möchtest oder noch mal zusammen arbeiten möchtest?
Ann Christin: Oh ja, es gibt viele eigentlich; es gibt viele...
Einwurf von Ulrich Wiggers (Thénardier), der gerade neben uns fotographiert wird: Mit mir!
Ann Christin: Oh ja, aber natürlich. Aber hallo! Weißt du, es gibt immer Leute, zu denen man von Anfang an so einen Kontakt hat. Ich mag auch Leute, mit denen man wirklich kreativ sein und auf der Bühne improvisieren kann. Das finde ich echt toll. Und ich finde auch... Was heißt das auf deutsch: 'I can feed off other people'? Ich nehm' das...
Norbert: Du kannst dich inspirieren lassen.
Ann Christin: Ja! Und das liebe ich, wenn ich andere Leute habe, die sehr, sehr talentiert sind - gesanglich, schauspielerisch, tänzerisch. Und das sind die Leute, mit denen ich dann noch mal arbeiten will. Ja, vielleicht auch Namen, aber ich weiß nicht, ob ich das sagen soll... Aber doch: Einer von denen ist Drew Sarich. Das erste Mal, als ich nach Deutschland gekommen bin, hab' ich mit Drew in 'Glöckner' zusammen gespielt, und er ist so eine kreative Person und so generös - ja, nur so eine liebe Person. Solche Leute sind gut. Auch ein anderer ist Steven Weller. Er hat viele Rollen im West End gespielt, und ich hab' mit ihm in Oslo ein Konzert gemacht. Er ist auch so ein Mensch: wahnsinnig talentiert, kann alles und ist generös. Ja, solche Leute liebe ich. Man fühlt sich ein bißchen sicherer, wenn man diese Leute um sich hat, weil es gibt viele mit Ellenbogen hier in dieser Branche. Und dann ist das gut, wenn man so eine Clique hat, wo man sich wohlfühlt, und ich glaube, so ist das für alle. Man muß das in jedem Beruf haben.
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