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Ann Christin Elverum - Das Interview
© "That's musical" 2004
Ob als Esmeralda beim "Glöckner vom Notre Dame" in Berlin, als "Elisabeth" im gleichnamigen Essener Musical oder momentan als "Fantine" in "Les Misérables", die junge Norwegerin begeistert nicht nur ihre Fans in jeder Rolle. Im November 2004 schien ihr die Rolle der "Fantine" aber nicht zu reichen. Auf fünf verschiedenen Bühnen schlüpfte sie in drei unterschiedliche Rollen: Zum einen war sie "Fantine" in "Les Misérables" (Berlin), zum zweiten "Marguerite" in "The Scarlet Pimpernel" (Halle) und zum dritten "Maria Magdalena" in der konzertanten Aufführung von Jesus Christ Superstar in Hamburg, Essen und Berlin. Als wenn dies nicht schon genug wäre, nahm sie sich kurz vor dem Jesus Christ Superstar-Konzert in Essen auch noch Zeit für ein Interview mit thatsmusical.de.
tm: Ann Christin, wie kommt es, dass Du so gut deutsch sprichst?
ACE: Ich finde, dass, wenn man in Deutschland wohnt, dann ist es ziemlich spannend, wenn man die Sprache kennt. Ganz am Anfang hatte ich Angst, zu Kaisers zu gehen. Beim ersten Mal im Kaiser, oder es war nicht Kaiser, es war Drospa, glaub ich, am Potsdamer Platz, das war fürchterlich, denn ich habe nur auf die Summe gewartet und sie fragte so etwas wie "Brauchen Sie eine Tüte?". Da hatte ich voll Angst, weil ich gar kein Wort verstanden habe. Und dann musste ich jedes Mal jemanden mitbringen, wenn ich einkaufen wollte und da habe ich gedacht "Nein, nein, das geht nicht!" Das ist auch langweilig, wenn man nicht die Sprache kennt. Man hört so viel und das ist lustiger, wenn man die Sprache kann. Man hört soviel, was man dann nicht mitbekommt.
tm: Aber eine Sprache zu lernen und sie dann so anwenden zu können, das sind doch zwei unterschiedliche Dinge.
ACE: Ich glaube, das ist bei uns in den nordischen Ländern so. Ich komme aus Norwegen. Wie viele wohnen da? Fünf Millionen? Man trifft also nicht so viele Norweger weltweit (lacht) und da muss man dann einfach für alles einen Schlüssel haben. Und das ist auch gut so, finde ich.
tm: Du kommst jetzt gerade von den Proben für "Jesus Christ Superstar" heute Abend. In Hamburg lief es ja schon letzte Woche. Wie sind Deine ersten Eindrücke?
ACE: Ja, Hamburg war schön. Vor der Show in Hamburg habe ich gedacht, dass das ein höllisches Konzert wird, ein Untergang oder so. Ich habe gedacht, das wird nie klappen. Aber es war okay. Es war Spaß, es war sehr, sehr viel Spaß.
Ich habe mich so sehr gefreut auf Essen, denn hier waren ja "Elisabeth" und das "Colosseum Theater" und dann war plötzlich alles anders. Die Bühne, das Licht und alles, was man im Kopf hatte war anders und dann dachte ich nur: "Mein Gott, es ist alles so... Oh nee! Das geht nicht!" Und dann kriegst du plötzlich Angst für eine halbe Stunde, aber dann ist auch alles wieder okay und jetzt freu ich mich schon. Aber natürlich ist da ein bisschen Nervenflattern.
Das ist aber nicht der Grund, warum ich das hier (zeigt auf ihr Rotwein-Glas) trinke. (lacht) Das ist eine andere Geschichte.
Ich habe auf der Bühne zwischen der Hüftpfanne und dem Joint eine Reizung bekommen. Und die Schmerztabletten machen mich so müde. Und das geht nicht. Ich muss ja auf der Bühne stehen. Und da habe ich gedacht, trink ein Glas Rotwein. Denn es tut weh, es tut wirklich weh. Aber es wird schon gehen. Es kann alles gehen! Es könnte gebrochen sein! Aber (sie klopft dreimal auf den Tisch) ist es nicht.
tm: Bist Du bei "Les Misérables" so schwer gestürzt?
ACE: Nein, es ist nicht von einmal. Weißt Du, ich spiele über ein Jahr, acht Mal die Woche... natürlich habe ich nicht alle acht Shows gespielt, aber trotzdem: Wie oft in der Show werde ich als "Fantine" auf den Boden geschmissen? Fünf, sechs, sieben Mal? Das ist dann schon ein paar Mal im Jahr. Mein Doktor hat gesagt "Du musst damit aufhören!", aber das kann ich ja jetzt nicht. Einen Monat noch und dann hör ich auf, mich auf den Boden zu schmeißen. Und bis dahin wird es schon gehen. Aber ich bin auch ein gefährlicher Typ, naja, ein gefährlicher nicht, aber ich mag es, wenn es echt aussieht. Ich hasse es, wenn ich etwas auf der Bühne sehe, zum Beispiel eine Fightszene, und dann "Uh, ah, oh, ich bin am Boden zerstört". Ich hasse es. Von daher mache ich manchmal ein bisschen zu viel - hat mein Doktor gesagt.
tm: Du hast es schon angedeutet, "Les Miz" hört bald auf.
ACE: Ja, Les Miz, es ist wunderschön, aber ehrlich gesagt, ich bin eigentlich ganz froh, dass ich jetzt fertig bin. Das war wirklich ein hartes Jahr in meinem Leben. Unglaublich: persönlich, privat, beruflich, alles. Alle Pläne, ja, das war Wahnsinn. Ich hab meinen Weg gefunden. Ich bin erwachsen geworden. Endlich. (lacht)
tm: Durch die Rolle oder einfach nur so?
ACE: Ich glaube alles. Nicht nur die Rolle. Viele haben zu mir gesagt, durch "Les Miz" wird dein Leben verändert und ich hab immer nur "ja, ja" gesagt. Weißt Du, ich habe gedacht, ich treffe viele neue Leute, wir machen viele Dinge zusammen, Kino, Partys, egal, ich hab keine Ahnung. Aber es hat wirklich mein Leben verändert. Komischerweise. Ich hätte es nie geglaubt. Kaspar Holmboe hat zu mir hier bei "Elisabeth" gesagt: "Pass mal auf, nach Les Miz...!" Aber es ist wirklich wahr. Es war das eine Jahr, aber es ist auch die Rolle. Denn es ist eine unglaubliche, wunderbare Rolle, um sie zu spielen, aber es ist auch eine so einsame Rolle. Und manchmal fühlst du dich so klein, weil du denkst, du bist so alleine und niemand mag dich. Du kommst auf die Bühne und alles schreit dich an. Du hast vorher mit niemandem aus der Cast gesprochen und alle sagen nur "hu, ba ba, ba ba" und manchmal ist das dann für einen zu viel und du sagst nur "ich will nicht mehr", aber dann geht es doch wieder weiter. Ich liebe Fantine, aber es ist komisch. Ich hatte so viele Zweifel an mir selbst, dass ich nicht spielen kann, dass ich nicht singen kann und ich war fast am Boden zerstört. Ich war nur so: "Ich muss das alles aufgeben! Ich bin scheiße!" Ich habe wirklich mit mir selbst gestritten.
tm: Woher nimmt man dann die Kraft, trotzdem weiter zu machen?
ACE: Tja, das ist dann auch wieder ein Fantine-Ding. Ich glaube, ich bin ein bisschen wie Fantine. Ich brauche mich selber. Ich kann mich immer alleine sozusagen aus der Hölle herausholen. Ich brauche manchmal ein bisschen mehr Zeit und manchmal wenig Zeit, aber ... ich weiß nicht. Jetzt ist alles wieder okay.
tm: Zur Zeit spielst du ja auch noch drei Stücke mehr oder weniger gleichzeitig: "Scarlet Pimpernel" in Halle, "Les Miz" in Berlin und jetzt hier in den drei Städten "Jesus Christ Superstar". Ist das nicht ein Mordsstress?
ACE: Eigentlich nicht. "Jesus" ist zum Beispiel nur Spaß. (lacht) Das sage ich jetzt, gerade habe ich erzählt, dass es vor den Proben höllisch war. (lacht wieder) Aber nein, das ist Spaß. Es ist ein Konzert, es ist auf Englisch, es ist etwas anderes. Man kann mit dem Publikum ein bisschen mehr Kontakt bekommen und es ist eigentlich nur für den Spaß.
Auch Scarlet Pimpernel ist nur noch mal eine Wiederaufnahme. Da hatten wir am Freitag die neue "Premiere". Das ist auch okay.
tm: Aber du spielst ja auch unterschiedliche Persönlichkeiten. "Fantine" ist, das sagtest du schon, eher der Typ der durch die Hölle geht. "Marguerite" ist dann doch eher der naive Typ, oder?
ACE: Ich würde bei Marguerite nicht sagen, dass sie naiv ist. Sie ist eher eine ganz subtile Frau. Sie war eine Schauspielerin in Paris, eine von den besten in Frankreich, sagt man. Ich weiß nicht, ob sie das war, aber ich meine, dass das in den Büchern steht, die es über sie gibt. Sie hatte viele Leute getroffen und hat ganz viel Lebenserfahrung. Aber ich glaube, wie viele Frauen wird sie schwächer, wenn sie total verliebt ist. Und wenn der Ehemann dann plötzlich einen anderen Weg geht, dann kannst du als Frau manchmal nicht klar denken. Ich glaube, so muss man in die Rolle gehen. Mit "Aber warum? Ich verstehe nicht mehr...". Und dann wird deutlich, warum eine in meinen Augen eigentlich kluge Frau wie "Marguerite" es nicht mehr versteht.
Also alles in allem: Es macht Spaß! Ich mag es, wenn ich viel zu tun habe, wenn ich viel Arbeit habe. Dabei bin ich eigentlich total müde, aber daran sind nicht die Produktionen schuld. Ich bin im Juli in eine neue Wohnung gezogen und von Juli bis jetzt wird dort gebaut. Und bestimmt bauen die auch noch zwei Monate. Die fangen um sieben Uhr jeden Morgen an mit Bohren und Hämmern und Schleifen und das macht mich müde. Aber alles andere ist perfekt.
tm: Jetzt spielst du ja heute bei "Jesus Christ Superstar" - und auch letzte Woche schon - die Maria Magdalena. Das ist eine Premiere für dich, wenn ich richtig recherchiert habe. Du warst zwar schon mal bei "Jesus Christ Superstar", aber als Soulgirl, richtig?
ACE: Ja, das war eine geile Rolle. Mamma mia, das war geil. Wir haben es in Norwegen beim Millennium gespielt, also beim Jahrtausendwechsel - und heilige Mutter Gottes das war eine geile Rolle. Vielleicht war es auch, weil es in Norwegen war, aber ich durfte als Soulgirl alles machen. Im ersten Akt war ich im Tanzensemble, da habe ich viel getanzt. Ich liebe Tanzen. Ich habe da aber auch viele Solo-Partien gesungen, zum Beispiel bei Simon, und im Ensemble habe ich viele andere geile Dinge gespielt. Und dann natürlich im zweiten Akt noch als Soulgirl - das war ein super Hammer! Das hat wirklich Spaß gemacht! Und das Tolle an Jesus ist, dass es nur zwei Stunden oder so geht. Nicht so wie Les Misérables - über drei Stunden. Meine Güte.
Aber als Mary, das ist eine Premiere - und ehrlich gesagt, es ist auch ein Konzert, aber es ist kein Konzert, wo einfach nur die Lieder gesungen werden. So lalalala und gut. Und das ist eigentlich das Interessante, denn wir haben gar nichts geplant. Jesper [spielte die Rolle des Jesus, Anm. der Redaktion] hatte mich nur gefragt: "Kannst du nicht etwas machen ...?" oder so bei "What's The Buzz" oder den Liedern mit Mary und Jesus und so. Und ich hab dann nur gesagt: "Ja, mach ich." Und plötzlich war's dann in Hamburg so, als wir bei der Ouvertüre auf die Bühne kamen und die Leute wie wild klatschten und wir nur dachten "Oh mein Gott". Plötzlich, auf einmal, wir hatten es nicht geplant oder so, gar nichts, da war dann so "Plopp" und alle waren in ihren Charakteren. Alex war plötzlich Judas, Jesper kam rein als Jesus und jeder war drin und hat dann seinen Charakter gespielt. Das macht einen riesigen Spaß! Es war aber nicht soviel wie bei einem Musical, aber trotzdem. Ich glaube, das Publikum hat es auch gemocht. Ich weiß nicht, aber ich hoffe es. Jetzt bin ich auch sehr gespannt auf heute Abend, denn es hat so super funktioniert letztes Mal. In Hamburg war der Chor ganz hinten, dann kam die Band und dann wir. Wir saßen im Oval, drei auf der einen, drei auf der anderen Seite, so dass wir auch immer Augenkontakt miteinander hatten. Aber heute ist das ein bisschen anders mit der Bühne. So bin ich ein bisschen angespannt und gespannt, was heute passieren wird. Ich war so überrascht, was in Hamburg passiert ist. So wirklich positiv überrascht, aber heute: Es wird interessant. Ich habe keine Ahnung, was heute Abend passieren wird. (lacht)
tm: Aber macht nicht gerade das die Spannung der ganzen Aufführung aus? Dass keiner genau weiß, was passieren wird? Weder als Akteur auf der Bühne noch als Publikum. Die Lieder kennt man ja, aber wenn man das gleich live hört und wenn der Funke dann überspringt...
ACE: Ja, ich hoffe, ich bete zu Gott, dass das so geht wie in Hamburg. Denn wir haben soviel Spaß auf der Bühne gehabt. Es war so unglaublich.
tm: Das Essener Publikum ist doch eigentlich auch immer sehr gut.
ACE: Ja, mein Gott, ich bin so froh. Was soll Jesper da erst sagen? Die sind unglaublich, die Essener oder alle hier im Ruhrgebiet. Die sind unglaublich. Was wir zum Beispiel bei "Elisabeth" erlebt haben. Ich habe nie von einem Publikum so viel Unterstützung erhalten - als Zweitbesetzung. Das finde ich unglaublich.
tm: "Elisabeth" war ja auch ein tolles Stück!
ACE: Ja, es war so ein geiles Stück! Eine tolle Rolle!
tm: Was gab denn für dich den Ausschlag, noch mal Jesus Christ Superstar zu spielen?
ACE: Ja, Bernd [Bernd Steixner, Anm. d. Red.] hat mich nur gefragt, ob ich ein Konzert machen will und ob ich Mary singen kann und dann haben wir nur einmal probiert, also nur die Lieder durchgesungen und dann sagte er: "Ja, wenn du willst, kannst du das machen." Und ich: "Ja, natürlich!" Denn wenn man acht Shows die Woche spielt, dann ist das sehr, sehr wichtig, finde ich, dass man auch andere Dinge macht. Am Anfang, als ich für den "Glöckner" nach Deutschland kam, da hatte ich mit dem "Glöckner" genug zu tun gehabt. Aber ich glaube, es ist wichtig für deine Seele, wenn du mal etwas anderes machst. Denn jetzt habe ich viele sozusagen klassische Stücke gemacht: Glöckner, Les Miz, Elisabeth, Scarlet. Das sind alles so große, musikalische... Ja, okay, was macht Mary, die singt auch nur so, aber insgesamt ist es doch ein bisschen rockiger. Ich mag das. Und ich würde gerne ein rockiges Stück jetzt machen oder etwas anderes.
Und ich will nicht mehr sterben! Nicht im nächsten Stück. Im übernächsten vielleicht wieder, aber nicht im nächsten.
tm: Ist das schwierig, auf der Bühne sterben zu müssen?
ACE: Nein! Das ist überhaupt kein Problem. Ich denke, dass wenn du in einem Charakter drin bist, ist es einfach, ihn zu leben. Und nach einer Weile entwickelst du dann entsprechende Techniken. Als "Esmeralda" bin ich gestorben, hier als "Elisabeth". Aber hier war das schwierig! Weil hier war Technik dabei! Du musstest die Knöpfe von diesem Mantel in einer bestimmten Reihenfolge öffnen, bevor du dich auf den Boden gesetzt hast, denn sonst konntest du nicht den Mantel abstreifen und das weiße Kleid darunter haben. Das war ein Stress! Das war ein bisschen schwierig.
tm: Was passierte dabei eigentlich mit den Schuhen? Das habe ich mich jedes Mal gefragt.
ACE: Das war auch schwierig. Ich hab ganz viel Babypuder in die Schuhe gemacht. Denn du bist durchgeschwitzt, du hast dieses Kostüm an und es rennt wirklich - sorry, es ist ekelhaft, das zu sagen - aber es rennt auf deinem Rücken. Du hast gebeltet bis dein Herz fast gestoppt ist und du kommst von der Bühne und du kriegst dieses neue Ding an und natürlich dieses weiße Seidenkleid. Und dann hast du die Schuhe: Ich glaube alle, ich weiß nicht, ob Maike das gemacht hat, aber ich weiß es von Kristin, haben die Schuhe mit Babypuder gefüllt, weil es dann einfacher war. Ich bin aber zusätzlich auf Zehnspitzen in dem Schuh gelaufen und hatte sie nie richtig an. Denn wenn du den Stich von Lucheni bekommst, musst du den ersten Knopf öffnen und gleichzeitig die Schuhe unter dem Mantel ausziehen. Alles passiert gleichzeitig. Das ist glaub ich der schwierigste Tod (lacht), denn es hat etwas mit Ausziehen zu tun. Und am Anfang - mein Gott - bei den Proben. Ich habe mich totgelacht, denn ich habe geglaubt, dass das nie gehen wird. Weißt du, da kam die Musik und ich steckte in dem Mantel. Aber ich konnte es nicht aufmachen und alles muss dabei auf den Millimeter passen und ich dachte nur "mein Gott". Aber ich hab soviel Spaß gehabt mit "Elisabeth".
Noch eine Panne: Das erste Mal im Ballsaal. Mit dem Rock. Ich habe hinterher über eine halbe Stunde lang gelacht. Das war Gott sei Dank keine Show, sondern nur eine Probe. Es war eine von diesen Choreographien, wo du nach hinten gehen musst - und du hast diese alten Kleider an, wo die Reifröcke drin sind, damit alles steht. Und natürlich bin ich dann mit dem Absatz in mein Kleid gekommen, hängen geblieben und dann rückwärts umgefallen. Die ganzen Kleider über meinen Kopf und ich lag dann nur noch da. Das ist auch, ich glaub ein- oder zweimal, auf der Bühne passiert und das war schlimm, denn was machst du? Du sollst ja eigentlich tot und düster aussehen. Aber: Es ist ein traumhaftes Stück. Eines der besten Stücke überhaupt. Es ist ein Hammer! Und deutsch ist es auch.
Aber ich glaube leider nicht, dass es irgendwann zum Broadway oder West End gehen wird.
tm: Meinst du, dass die Übersetzung nicht funktionieren würde?
ACE: Nein, ein Problem ist zum Beispiel, dass wenn "Elisabeth" zum West End kommen würde, glaubten viele, dass es über Königin Elisabeth sein würde, die im 16. Jahrhundert in England regiert hat. Da sind eine Vielzahl von Problemen, die auftreten würden - und natürlich die Übersetzung. Gewöhnlich funktionieren die Stücke am Besten in der Originalsprache. Schade! Denn es ist wunderbar! Und ich liebe es!
tm: Was wirst du denn nach "Les Misérables" machen?
ACE: Ich glaube, ich mache "Dracula". Ich habe den Vertrag zwar noch nicht unterzeichnet, aber die Verhandlungen und so sind abgeschlossen und ehrlich gesagt, ich glaube, ich brauche eine Pause. Ich brauche auch eine Operation an meinem Fuß, weil er nicht so beweglich ist, und dann habe ich zwei Monate Pause und im März kann ich anfangen mit den Proben. Außerdem habe ich dann auch nicht so viele Shows. Es ist schön, für eine Weile mal nicht sieben oder acht Shows pro Woche zu spielen. Später komme ich dann bestimmt wieder und sage: "Nein, ich will etwas zu tun haben", aber im Moment kann ich andere Dinge machen. Mehrere kleine Konzerte oder Galas oder sowas. Keine Ahnung. Etwas, was auch immer kommt. Das ist nicht so wichtig.
tm: Wirst du Deutschland für immer den Rücken kehren. Oder kommst du irgendwann zurück?
ACE: Ich weiß nicht. Es kann sein, dass ich diesen Frühsommer nach London umziehe. Aber vielleicht bleibe ich da ja auch nur ein halbes Jahr und komme zurück. Das weiß niemand. Ich hab keine Ahnung.
tm: Ist das das Schöne an dem Job, dass man sich immer wieder verändern kann?
ACE: Ja! Aber es ist auch ein bisschen komisch, denn manchmal frage ich mich, wo mich das hinführen wird. Dann sagst du dir: Du bist jetzt so und so alt, du hast viele Jahre in Norwegen gearbeitet, du warst viele Jahre in Deutschland, was wirst du am Ende machen? Wenn du 70, 80 Jahre alt bist. Du musst Geld haben, um überleben zu können. Was tust du jetzt? Solche Gedanken macht man sich natürlich auch. Ich erinnere mich an einen Abend, als ich da saß und mich fragte, was ich machen soll. Da kriegt man dann schon Angst. Aber das war ein Abend und dann war es auch wieder vorbei. Es wird schon gehen. So oder so. Ich kann ja auch normale Jobs nehmen, das ist ja kein Problem. Das habe ich sogar schon gemacht.
Als ich in Norwegen bei Jesus Christ Superstar war, war das für mich nicht genug. Da war die Show nicht genug. Da bin ich zu "Man Power" gegangen, weil ich da früher gearbeitet habe und habe gesagt: "Bitte, einen Job!" Und dann habe ich da die Stelle einer Putzfrau in der Feuerwehrstation in Trontheim bekommen, wo auch "Jesus Christ Superstar" war. Dann habe ich da um fünf Uhr morgens angefangen zu putzen und war so gegen elf Uhr fertig. Dann bin ich nach Hause gegangen, habe für zwei Stunden geschlafen, bin danach in die Stadt gegangen, habe Freunde getroffen und bin von dort dann zum Theater, wo ich abends gespielt habe. Das war geil! "Jesus Christ Superstar" alleine war mir einfach zu wenig. Ich weiß nicht, vielleicht, weil die Show so kurz war. Es hat zwar super Spaß gemacht, aber ich hatte das Gefühl, dass ich wirklich mehr Arbeit brauche.
tm: Dann bist du also eher der bodenständige Typ, der sich auch mal gerne die Finger schmutzig macht?
ACE: Ja, gerne! Ich mache das auch zu Hause. Wenn ich keine Ruhe habe oder sonst unruhig bin, dann wasche ich oder mache die Reinigung. Ich habe keine Ahnung. Ich mag das dann lieber, als wenn ich durch die Stadt gehe oder so.
tm: Was wärst du denn geworden, wenn es mit dem Musical nicht geklappt hätte?
ACE: Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt unbedingt gerne in Musicals wollte. Ich wollte in irgendeine Richtung gehen. Ich würde unheimlich gerne mal Film probieren und das ist auch der Grund, warum ich gerne nach London umziehen würde. Ich weiß nicht, ob das wahr ist, denn ich habe nie einen Film gemacht, aber man liest das in diesen Berichten über Filmeinspielungen und sowas. Man arbeitet so extrem hart und man fokussiert sich auf einen Film, ein Projekt, eine Rolle in drei Monaten. Dann kannst du so tief gehen in einer Szene, dass du vielleicht zwei Tage brauchst um wieder zurückzukommen. Weißt du, du kannst nicht denken "Ich kann jetzt nicht soviel weinen hier, denn in der nächsten Szene muss ich wieder ganz schön aussehen und frische Wangen und so haben. Es hört sich so erfrischend an, dass man so tief in eine Rolle gehen kann, dass man vielleicht nicht genau weiß, wo man ist. Vielleicht hasse ich es auch. Vielleicht kriege ich aber auch nie die Möglichkeit, das mal auszuprobieren, aber ich wünsche mir das schon sehr. Hier in Deutschland wird das nicht gehen. Ich habe so einen Akzent, dass ich nur als skandinavisches Au Pair engagiert werden würde. In Englisch ist es dann viel, viel einfacher für mich. Aber ich weiß es nicht, ich muss es einfach mal probieren. Es ist wie eine Sucht, eine Sehnsucht. Ich liebe Filme über alles. Popcorn und Wasser und Film und Kino, mamma mia. Ich liebe es. Das ist wie eine andere Welt, in der du dich für zwei, drei Stunden verstecken kannst. Egal, ob es Horror, ich liebe Horror, Science Fiction, Comedy, Actionthriller usw. usw.. Ich weiß nicht, ich liebe alles. Es ist einfach ein geiles Entertainment, manchmal viel besser als Theater. Das ist grausam, es zu sagen und ich sollte das auch eigentlich nicht sagen. (lacht)
tm: Es hat eben beides seine Vor- und Nachteile.
ACE: Ja, das stimmt. Es ist schön mit dem Theater, denn du bekommst manchmal so viele Gefühle auf der Bühne. Es ist wunderschön, zu sehen. Aber manchmal - nehmen wir als Beispiel noch einmal "Elisabeth". Da hast du Sissi in Laxenburg, in Starnberg, und so weiter. Wir haben schöne Kulissen, aber im Film, da würde sie wirklich in Starnberg sein oder in einem wirklich coolen Set, das wie Starnberg aussieht. Da würde sie im Hof sein, an wirklichen Plätzen. Dann wäre sie präsent, dann wäre man einfach da.
tm: Könntest du dir denn auch vorstellen, in einer Musicalverfilmung mitzuwirken? Nehmen wir doch mal "Elisabeth" als Beispiel - rein spekulativ.
ACE: Gerne! Das kannst du mir glauben! Meine Oma würde fast sterben, wenn ich dann diese Rolle spielen würde. Sie hat es gesehen, hier in Essen. Sie ist so eine liebe Oma. Sie wird nächstes Jahr 83 und sie hat mich hier in "Elisabeth" gesehen. Sie spielt bis heute die CD rauf und runter. Und in der Pause konnte sie nicht aufstehen. Sie hat gesagt: "Nö, ich bleibe hier sitzen und denke über alles nochmal nach." Aber eigentlich ist meine ganze Familie hin und weg über "Elisabeth". Es war für alle das Schönste von allen. "Elisabeth", das war der Hammer.
"Elisabeth" als Film zu machen - das wäre... Mamma mia. Es ist eine traumhafte Geschichte. Aber ich glaube, die deutschen und österreichischen Leute würden sterben, wenn eine Norwegerin ihre geliebte Sissi spielen würde.
Und - ehrlich gesagt - würde ich wirklich lieber in einem normalen Film spielen. Ich muss im Film nicht unbedingt nochmal singen.
tm: Dann kann ich dir jetzt nur noch für das Interview danken.
ACE: Gern geschehen!
tm: Und für heute Abend dann Toi, Toi, Toi!
ACE: Wird schon schief gehen!
Text & Fragen: Stephanie Tatenhorst, Essen, 22.11.2004
Foto: Stephanie Tatenhorst
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